CSS3 & HTML5

Einstieg in die neuen Webstandards

Wendung im Codeckrieg: Google wirft H.264 aus Chrome

Von oli veröffentlicht am Uhr

Am Mittwoch hatte ich es schon auf Facebook gepostet: Google gab am Dienstag bekannt, dass es zukünftig den H.264-Videocodec aus Chrome entfernen wird und stattdessen nur noch Theora und VP8 (Video-Codec des WebM-Formats) unterstützen wird. Damit hat Google dem Industriestandard H.264 eine Abfuhr erteilt, angeblich zugunsten des offenen Webs, das unabhängig von Patenten und Lizenzgebühren funktionieren soll. Die Meldung versetzte das gesamte Internet in Aufruhr. Vorgestern veröffentlichte Google einen neuen Artikel, in dem es auf die Kritik und die Fragen einging. Alle Informationen zu dem Thema nach dem Klick.

Die Geschichte um den Video-Codec für das HTML5-Video-Element ist ein einziges Debakel. Das Video-Element, das es einfacher machen sollte, Videos in Webseiten einzubinden, machte dank des Codec-Durcheinanders fast alles komplizierter als vorher. Apple unterstützt in Safari und den iOS-Geräten (iPhone, iPod touch, iPad) ausschließlich H.264, genau wie Microsofts Internet Explorer 9, während Mozilla und Opera nur Theora unterstützen. Google, keine Partei ergreifend, unterstützte beides und brachte schließlich im Mai 2010 seinen eigenen Codec VP8 raus, wodurch ein dritter Codec im Gewirr mitmischte.

Die Meldung von vor bald einem Jahr, dass Google den VP8-Codec open-sourced und mit Mozilla und Opera das WebM-Projekt startet, bei dem der VP8-Codec zentraler Bestandteil ist, war das letzte große Ereignis im Verlauf der Codecs. Danach wurde es ruhig in der Debatte. Es schien nicht so, als würde WebM großartig durchstarten, zumindest begegnete man im Web keinen VP8-kodierten Videos (außer man suchte bewusst danach). H.264 war und ist der De-Facto-Standard. Zum einen, weil man den Codec für den Flash-Player braucht, zum anderen, weil sämtliche iOS-Geräte und viele mobile Geräte nur dadurch Videos wiedergeben können. (Und content-producer brennen darauf, iOS-Geräte zu bedienen!)

Deswegen kam die Meldung, dass Google H.264 aus Chrome wirft, so völlig überraschend und trat eine Lawine von Meldungen los, von großer Zustimmung bis hin zu lautstarker Kritik: John Gruber warf Google Scheinheiligkeit vor, da es auch Flash aus Chrome werfen müsste, wenn es wirklich um die Offenheit des Webs ginge. Remy Sharp nannte den Vorwurf Unsinn und fand es eine gute Sache, dass Google den Support kippt. Gizmodo meinte, dass es so gut wie keine WebM-Videos bisher im Internet gibt, im Gegensatz zu einem Haufen von H.264-kodierten Videos. Ben Schwartz veranschaulichte die drakonischen Lizenzbedingen von H.264 und kam zu dem Schluss, dass nur ein offener Codec nutzfähig ist. Engadget warf Google Weltfremdheit vor. Anthony Ricaud twitterte, dass es pro Jahr 6,5 Mio. Dollar Lizenzgebühren kostet, H.264 in einen Browser einzubauen. Eine Summe, die untragbar für einen freien Webbrowser wie Firefox ist.

Google hat vorgestern nun einen neuen Artikel veröffentlicht, in dem sie auf fünf Fragen zu ihrer Meldung eingehen. Darin machen sie deutlich, dass H.264 aufgrund seiner Lizenzbedingungen keine Zukunft haben wird. Ihnen ist bewusst, dass H.264 momentan mehr Unterstützung als WebM widerfährt, sowohl von Seiten der Herausgeber, als auch der Entwickler und der Hardware-Gemeinschaft. Dennoch wird sich H.264 nie als Standard-Codec im Web etablieren, denn Google meint, dass die Kerntechnologien des Webs offen und von der Gemeinschaft entwickelt werden sollten. Community-gesteuerte Entwicklung hat bereits in der Vergangenheit immer wieder Vorteile gegenüber geschlossenen Entwicklungen bewiesen.
Da ihre Entscheidung, H.264 aus Chrome zu werfen, sich aber nur auf das HTML5-video-Element bezog, wird der größte Anteil von Webvideos sowieso nicht betroffen sein. Denn der größte Anteil von Videos nutzt den Flash-Player, der weiterhin in Chrome erhalten bleibt.
In der Frage “Ist der Zug nicht bloß eine Anstrengung von Google, das Webvideo-Format zu kontrollieren?” ist wohl der Vorwurf versteckt, mit der Entscheidung wolle Google bloß Apple herausfordern, dem größten Verfechter von H.264 für Webvideos und stärkstem Google-Konkurrenten. Natürlich beantwortet Google die Frage diplomatisch und sagt, Google sei nur einer von vielen Mitwirkenden bei WebM. Dass dieser Punkt eventuell aber doch einer der entscheidendsten ist, führe ich weiter unten im Text aus.
Bei der letzten Frage, bei der es darum geht, ob Herausgeber jetzt nicht gezwungen wären, mehrere Versionen ihrer Videos zu erzeugen, meint Google, dass das schon vorher der Fall war.

Worauf Google nicht deutlich eingegangen ist, war der Kritikpunkt, der immer wieder von Kritikern genannt wurde: Die fehlende Hardwarebeschleunigung von WebM. Während es bei H.264 Chips für die De- und Enkodierung gibt, durch die es auf mobilen Geräten wie dem iPhone überhaupt erst möglich ist, Videos flüssig, effizient und akkuschonend abzuspielen, ist das bei VP8 nicht der Fall. WebM ist somit nicht für mobile Geräte geeignet. Selbst in Googles Android-Geräten steckt ein Chip für H.264 und nicht WebM.

In dem Beitrag von Google, in dem verkündet wurde, dass die H.264-Unterstützung für Chrome entfernt wird, wurde auch ein Artikel aus dem WebM-Entwickler-Blog verlinkt. Der Artikel war am Vortag erschienen und verkündet, dass die Entwicklung eines Chips zur De- und Enkodierung von WebM-Videos kurz vor dem Durchbruch steht. Die zeitliche Nähe dieser beiden Verkündungen ist auffällig. Mit einem Chip für WebM-Videos wäre auch WebM für mobile Geräte geeignet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Apple ihn nicht in die iOS-Geräte einbauen. Doch, dass Hersteller von Android-Geräten ihn einbauen, ist nicht unwahrscheinlich. Schaut man sich die Entwicklung der Marktanteile von Android an, erkennt man, dass sie wohl bald eine größere Rolle spielen werden, als Apples iOS-Geräte:

Entwicklung der Marktanteile Android, BlackBerry OS, iOS
(Quelle: Nielsen Blog, Apple Leads Smartphone Race, while Android Attracts Most Recent Customers)

Könnte es sein, dass Google auf dem Weg ist, H.264 aus dem Web zu drängen? Adobes Flash, mit dem momentan der Großteil von Webvideos funktioniert, wird zukünftig WebM nutzen. Durch YouTube ist Google im Besitz des wichtigsten Anbieters von Videos im Internet und hat dadurch einen mächtigen Hebel in der Hand. Mit Mozillas Firefox und Opera hat Google weitere große Browser auf seiner Seite. Selbst Microsoft ist WebM nicht abgeneigt. Nun, nachdem feststeht, dass WebM bald Hardware-beschleunigt sein wird, wirft Google H.264 aus Chrome. Ist Chrome nur ein Anfang? Wird Android auch die Unterstützung für H.264 aufgeben? Oder YouTube?

Es sieht alles so aus, als würde es auf einen Clash des H.264-Lagers, mit Apple an der Front, und des WebM-Lagers, mit Google an der Front, zulaufen. In jedem Fall ist seit dieser Woche der Codec-Krieg wieder in vollem Gange!

2 Responses to “Wendung im Codeckrieg: Google wirft H.264 aus Chrome”

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